Fräsen und Flexis auf Wangerooge

Story | 09.10.2026

Millimeterarbeit für die Inselbahn

Auf Wangerooge bearbeitete Vossloh die Schienen unter ungewöhnlichen Bedingungen – zwischen Tide, Naturschutz und engem Zeitfenster.

Jetzt, im Herbst, wird es auf Wangerooge noch einmal lebendig. Die Herbstferien bringen Urlauber auf die Insel, Fähren legen im Hafen an, Gepäck wird verladen und die nostalgische Inselbahn setzt sich Richtung Inseldorf in Bewegung. Bereits dieser Auftakt gehört auf Wangerooge zum Urlaubserlebnis. Doch für die Insel ist die Bahn weit mehr: Sie ist eine ihrer wichtigsten Lebensadern. Umso entscheidender ist eine intakte Strecke. Genau hier kommt Vossloh ins Spiel. 

Der Tag geht zu Ende, die letzten Fahrgäste steigen aus der Inselbahn aus. Auf Wangerooge kehrt langsam Ruhe ein. Doch für das Team von Vossloh beginnt jetzt die Arbeit.

Der Frästruck steht bereits im Hafen. Am nächsten Morgen muss die Inselbahn wieder fahren. Dazwischen liegen nur wenige Stunden, in denen die Schienen bearbeitet werden können.

Was auf dem Festland nach einem normalen Arbeitseinsatz klingt, war auf Wangerooge ein Projekt mit ungewöhnlich vielen Variablen: Gezeiten, Fährzeiten, Naturschutz, Herbstwetter und eine Insel ohne Autoverkehr mussten perfekt zusammenspielen.

Detaillierte Planung

Schon die Anreise des Vossloh-Teams für den rund einwöchigen Auftrag im Oktober 2023 war Teil der Aufgabe. Der Frästruck und ein weiterer Lkw wurden per Lastenfähre nach Wangerooge gebracht. Wann die Fähre fuhr, bestimmte die Tide. Wo Fahrzeuge und Container für die anfallenden Frässpäne im Hafen abgestellt werden konnten, musste mit dem Hafenmeister abgestimmt werden. Hinzu kamen die notwendigen Genehmigungen, darunter eine Ausnahmegenehmigung der Gemeinde Wangerooge.

„Auf Wangerooge musste alles punktgenau organisiert werden. Von der Überfahrt über die Logistik im Hafen bis zu den Genehmigungen musste jeder Schritt im Voraus geplant sein“, so Steffen Riedel, Technical Sales Manager bei Vossloh, der das Projekt von der Baustellenbegehung über die Organisation und Baubegleitung bis zur Abnahme betreute. 

Und auch auf der Insel selbst war Flexibilität gefragt: Da Wangerooge autofrei ist, bewegten sich die Vossloh-Mitarbeitenden zwischen Unterkunft, Hafen und Baustelle mit E-Bikes.

„Auf Wangerooge plant man nicht nur mit Maschinen und Personal. Tide, Wetter und Naturschutz gehören genauso zum Bauablauf. Das macht einen solchen Einsatz anspruchsvoll – und gleichzeitig außergewöhnlich.“

 

Steffen Riedel, Technical Sales Manager bei Vossloh

Die Natur ist der Taktgeber

Die Strecke der Inselbahn liegt im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die Arbeiten mussten daher außerhalb der Vogelbrutzeiten stattfinden. Auch die Witterung setzte Grenzen: Zu warme und trockene Bedingungen hätten das Risiko für die Vegetation erhöht. Gleichzeitig durfte der Einsatz nicht zu spät im Herbst stattfinden. Denn dann können Herbststürme und Sturmfluten die Arbeiten schnell unmöglich machen. Tatsächlich wurde der Hafen bereits eine Woche nach Abschluss des Einsatzes von Hochwasser überflutet. Das Zeitfenster war entsprechend eng.

1.000 Millimeter zwischen Hafen und Dorf

Technisch wartete auf den Frästruck eine besondere Strecke. Die Wangerooger Inselbahn fährt auf einer Spurweite von 1.000 Millimetern und ist damit die letzte Schmalspurstrecke der Deutschen Bahn. Seit 1897 verbindet die Inselbahn Hafen und Inseldorf. Bis heute übernimmt sie neben dem Personenverkehr auch wichtige Transportaufgaben für die autofreie Insel. Rund 200.000 Fahrgäste nutzen sie jährlich.

Für die Schienen selbst war der Einsatz ebenfalls ein besonderer Moment: Die rund fünf Jahrzehnte alten Schienen zwischen Hafen und Dorf wurden erstmals maschinell bearbeitet. Die Arbeiten sollten die Infrastruktur vor den geplanten Sanierungen der Sielbrücken ertüchtigen, zu mehr Fahrkomfort beitragen und letztlich die Schienenlebensdauer erhöhen.

Der Vossloh-Frästruck ist dabei nicht auf eine bestimmte Spurweite festgelegt. Der SF02, ein hochmobiler Zweiwege-Frästruck, lässt sich auf Spurweiten von 1.000 bis 1.520 Millimetern einsetzen und kann damit auf Schmalspur ebenso wie auf Normal- und Breitspurstrecken arbeiten. Auf Wangerooge passte die Maschine also perfekt ins Konzept.

Wenn die letzte Bahn gefahren ist

Gearbeitet wurde nachts. Nach Betriebsschluss der Inselbahn wurde der Frästruck im Hafenbereich eingegleist. Während auf der Insel die Lichter ausgingen, begann für die Vossloh-Teams die eigentliche Schicht.

Auf der rund 3,4 Kilometer langen, stark abgenutzten Strecke wurden Schienenfehler bearbeitet und die Schienenprofile wieder in die gewünschte Geometrie gebracht. Die ehemals elektrisch verschweißten 15-Meter-Schienen haben im Laufe der Jahre immer lautere Geräusche beim Befahren verursacht. Das Fräsen trägt gezielt Material ab und ermöglicht eine präzise Reprofilierung der Schiene. Der integrierte Nachschliff sorgt anschließend für eine akustisch optimierte Oberflächenqualität.

Doch der Frästruck konnte nicht jeden Bereich der Strecke bearbeiten. Für die besonderen Geometrien und schwer zugänglichen Stellen kam deshalb zusätzlich das mobile System Flexis zum Einsatz. Die hand- und spurgeführten Maschinen können auch dort arbeiten, wo eine Großmaschine konstruktionsbedingt nicht weiterkommt – etwa in den kritischen Weichenbereichen, wie Herzstücken, oder an speziellen Gleisabschnitten, wie dem Sturmflut-Sperrtor.

So ergänzten sich zwei Technologien punktgenau: Der Frästruck übernahm die Bearbeitung der Strecke, Flexis die Bereiche, die besondere Präzision und Beweglichkeit erforderten.

Sechs Nächte für viele Jahre

Drei Nachtschichten war der Frästruck auf der Strecke im Einsatz, sechs weitere Nachtschichten arbeitete das Flexis-Team. Dann war die Schienenbearbeitung abgeschlossen. Für die meisten Menschen auf Wangerooge blieb der Einsatz unbemerkt. Am nächsten Morgen fuhr die Inselbahn wieder – wie gewohnt zwischen Hafen, Salzwiesen und Dorf. Und doch war etwas anders: Das monotone „Klack-klack, Klack-klack“, das die Drehgestellachsen der Wagen beim Überfahren der Schweißstöße erzeugten und das über die Jahre zum vertrauten Klang der Inselbahn gehörte, war plötzlich verschwunden. Stattdessen rollt die Bahn nun nahezu lautlos vom Fähranleger zum Bahnhof und zurück.

Vielleicht liegt genau darin die Besonderheit dieses Projekts: Auf einer Insel, auf der die Natur den Takt vorgibt und die Logistik besonderen Bedingungen folgt, muss selbst anspruchsvolle Schienenbearbeitung so reibungslos ablaufen, dass am Ende alles wirkt, als wäre es ganz selbstverständlich. Auch heute, drei Jahre nach dem Vossloh-Einsatz, präsentiert sich die Strecke der Inselbahn in Bestform.

„Die Inselbahn ist für Wangerooge weit mehr als ein Verkehrsmittel. Sie bringt Menschen, Gepäck und Güter vom Hafen ins Dorf und hält damit die Insel am Laufen. Dass wir mit unserer Technik dazu beitragen konnten, die Schienen für die kommenden Jahre fit zu machen, war für uns etwas ganz Besonderes.“

Anika Oda Amort, Head of Marketing & Communications von Vossloh Rail Services, hat den Auftrag fotografisch begleitet.