Während der Reise aus dem Fenster in die Landschaft schauen oder lieber über den Wolken dahingleiten? Ob sich Reisende für den Zug oder das Flugzeug entscheiden, ist neben Dauer, Kosten und Komfort eine Frage der persönlichen Vorliebe.
Immer mehr Menschen entscheiden sich für die Schiene: 2023 erreichte der Personenverkehr auf der Schiene in der EU mit 429 Milliarden Personenkilometern einen neuen Höchststand. Besonders auf innereuropäischen Verbindungen mit einer Reisedauer von weniger als sechs Stunden ist die Bahn längst eine attraktive Alternative zum Flugzeug. Der Eurostar verbindet London und Paris beispielsweise in nur zwei Stunden und 17 Minuten.
Das Flugzeug ist in der Luft zwar schneller. Betrachtet man jedoch die gesamte Reisezeit, kann die Bahn auf vielen Strecken mithalten: Bahnhöfe liegen meist zentral, aufwendige Check-in-Prozesse entfallen und zahlreiche Verbindungen bieten eine hohe Zuverlässigkeit. Hinzu kommt eine deutlich bessere Klimabilanz, da Bahnreisen im Durchschnitt wesentlich weniger Emissionen pro Personenkilometer verursachen als Flugreisen.
Mit Hochgeschwindigkeit von London nach Birmingham
Je mehr Hochgeschwindigkeitsstrecken entstehen, desto wichtiger wird eine andere Frage: Wie lassen sich neue Bahntrassen bauen, ohne Landschaften dauerhaft zu verändern? Die britische Hochgeschwindigkeitsstrecke HS2, die von London nach Birmingham verläuft, wurde auch mit dem Ziel geplant, eine attraktive Alternative zum Fliegen zu schaffen.
Andrew Stephenson
Ehemaliger HS2 Minister
Aussage vom November 2020 anlässlich der Verleihung der PAS-2080-Zertifizierung für CO₂-Management.
Die Strecke umfasst 225 Kilometer und soll in Etappen in den 2030er Jahren fertiggestellt werden. Bei der Umsetzung arbeitet HS2 mit Vossloh und dem Tochterunternehmen SATEBA zusammen. Während SATEBA die vorgefertigten Betonelemente für die Tunnel liefert, steuert Vossloh die Komponenten der Schieneninfrastruktur bei.
Fünf Green Tunnels für die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke
Zwischen London und den West Midlands entstehen insgesamt fünf dieser begrünten Tunnelbauwerke, durch die künftig die Hochgeschwindigkeitszüge fahren sollen. Sie heißen Copthall, Burton Green, Greatworth, Wendover und Chipping Warden.
Die Green Tunnels überdecken die neue HS2-Strecke dort, wo sie durch die Landschaft und nahe an Ortschaften verläuft. Damit reduzieren sie Lärm, schützen die Umgebung und können nach dem Bau wieder begrünt werden.
2.385 Meter unter grüner Hülle
Im Juli 2026 hat HS2 die Tunnelstruktur des Green Tunnels in Chipping Warden fertiggestellt. Der Tunnel ist fast zweieinhalb Kilometer lang und besteht aus 5.020 vorgefertigten Segmenten, die vor Ort zu einer M-förmigen Doppelbogenkonstruktion zusammengefügt wurden. Um den Hochgeschwindigkeitsverkehr bauen zu können, ohne die Trasse offen durch die Landschaft zu ziehen, haben sich die Ingenieure für eine Cut-and-Cover-Bauweise entschieden, also in einem offenen Einschnitt, der später wieder überdeckt wird.
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Als die Bauarbeiten im Juni 2022 offiziell begannen, bezeichnete Rohan Perin, Project Client bei HS2 Ltd, den Green Tunnel von Chipping Warden als ein wichtiges Beispiel dafür, wie das Projekt die Beeinträchtigungen für die Menschen in den umliegenden Gemeinden reduzieren will. Die Montage der ersten Tunnelelemente markierte dabei einen bedeutenden Meilenstein.
Die abschließenden Arbeiten zur landschaftlichen Integration des Green Tunnels von Chipping Warden dauern derzeit noch an.
Cut-and-Cover: So entstehen die Green Tunnels
Bei der Cut-and-Cover-Methode wird zunächst ein langer, offener Graben ausgehoben, in dem die Tunnelstruktur aus Beton entsteht. Anders als bei klassischen Tiefentunneln braucht es dafür keine Tunnelbohrmaschine, die sich monatelang durch komplexe Geologie und Grundwasser arbeitet. Das senkt technische Risiken und macht den Bau besser planbar.
Die vorgefertigten Seiten- und Mittelwände werden auf ein Betonfundament gesetzt, mit den Dachsegmenten verbunden und passgenau montiert. Weil die Elemente im Werk vorproduziert werden, lassen sie sich auf der Baustelle schneller einbauen und präziser zusammensetzen. Das verkürzt die Bauzeit, senkt den Personalaufwand und reduziert die Logistikkosten.
Das beim Aushub entstandene Material wird später genutzt, um den Tunnel zu überdecken und die Oberfläche mit Sträuchern, Bäumen und regionalen Pflanzen zu begrünen. So fügt sich der fertige Tunnel beinahe unsichtbar in die Landschaft ein.
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Porous Portals: Schalldämpfer für Hochgeschwindigkeitszüge
Damit der Tunnel den aerodynamischen Druck- und Schwingungsbelastungen bei Geschwindigkeiten von bis zu 360 km/h (225 mph) standhält, wurden seine Seiten- und Mittelwände sowie die Dachsegmente besonders robust gefertigt.
Die größten Kräfte entstehen beim Ein- und Ausfahren der Züge. Deshalb wurden an beiden Tunnelenden "Porous Portale" installiert. Sie wirken wie Schalldämpfer und bauen den entstehenden Druck kontrolliert ab. Durch ihre durchlässige Struktur kann die Luft entweichen, bevor der Zug in den Tunnel einfährt. So wird eine plötzliche Druckwelle verhindert, die andernfalls als hörbarer „Sonic Boom“ auftreten könnte.
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270 Segmente für ein Portal
Die einzelnen Elemente der Porous Portals verjüngen sich nach links oder rechts. Gleichzeitig nimmt ihre Länge von etwa sieben auf elf Meter zu, wobei jedes Teil rund zehn Zentimeter länger ist als das vorherige. Ein Portal umfasst 270 Segmente in 106 verschiedenen Varianten, von denen 96 nur einmal gefertigt wurden. Die unterschiedlichen Formen und Größen ermöglichen es, die Portale exakt an die besonderen Anforderungen der Tunnelenden anzupassen.
Tausende Betonelemente aus regionaler Fertigung
Die modularen Betonelemente für mehrere Green Tunnels entlang der HS2-Strecke stammen von SATEBA UK. Das Unternehmen ist seit 2025 Teil der Vossloh-Gruppe. Gefertigt werden die Segmente im Werk in Stanton-by-Dale, wo sie vollständig vorproduziert werden.
Dieses Verfahren halbiert den CO₂-Fußabdruck des Bauwerks im Vergleich zu traditionellen Methoden. Die Einsparung resultiert daraus, dass die statisch optimierte Doppelbogen-Form rund 50 Prozent weniger Beton und 20 Prozent weniger Stahl benötigt als ein schwerer, rechteckiger Tunnelkasten. Durch die industrielle Fertigung unter Laborbedingungen entfallen zudem witterungsbedingte Materialpuffer oder Verschnitt auf der Baustelle, während die regionale Nähe des Werks die Transportemissionen auf ein Minimum reduziert.
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„Unsere Züge werden mit CO₂-freiem Strom betrieben, aber es ist auch wichtig, den CO₂-Fußabdruck beim Bau zu verringern. Die eingesetzten Fertigungstechniken außerhalb der Baustelle tragen dazu bei, die Gesamtmenge an CO₂-intensivem Beton und Stahl im Tunnel zu reduzieren und den gesamten Prozess schneller, effizienter und damit für die Anwohner weniger störend zu gestalten.“
Rohan Perin
Project Client, HS2 Ltd
The scale of material use is reflected in the number of concrete elements: Chipping Warden comprises 954 rings made up of Wie hoch der Materialeinsatz ist, zeigt die Zahl der Betonelemente: Chipping Warden umfasst 954 Ringe mit 4.770 Segmenten. Greatworth liegt bei 1.041 Ringen mit 5.205 Segmenten und Wendover bei 515 Ringen mit 2.575 Segmenten. Jeder Ring besteht aus zwei Seitenwänden, einer Mittelwand und zwei Dachsegmenten. Die einzelnen Elemente wiegen je nach Position zwischen 16 bis 50 Tonnen.
Jedes Segment erhält einen sogenannten digitalen „Segment Passport“, der technische Daten und Qualitätsnachweise dokumentiert und die Montage vereinfacht. Da die Elemente bereits im Werk entstehen, lassen sie sich auf der Baustelle direkt versetzen und verbinden, ohne zeitintensive Anpassungen oder komplexe Untergrundarbeiten.
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Mit der fertigen Tunnelhülle ist es allerdings noch nicht getan. Für den Hochgeschwindigkeitsverkehr braucht es auch die passende Gleisinfrastruktur.
Hightech für Laufruhe und Sicherheit im Tunnel
Spätestens wenn die ersten Züge durch den Tunnel rollen, kommt es auf die Schienen- und Befestigungssysteme an. Vossloh liefert dafür unter anderem Spannklemmen, Isolatoren und Unterlagsplatten, die im Tunnel und auf der gesamten Trasse für Stabilität, Vibrationsdämpfung und Sicherheit sorgen.
Die Systeme sind für Geschwindigkeiten bis 360 km/h ausgelegt und absorbieren die Kräfte, die bei Hochgeschwindigkeitsfahrten entstehen. Gleichzeitig dämpfen sie Vibrationen und reduzieren Geräusche.
Vossloh produziert seine Komponenten lokal im britischen Werk Scunthorpe. Das verkürzt Transportwege, senkt CO₂-Emissionen und trägt so zur Nachhaltigkeit des Projekts bei. Zudem sind die langlebigen und wartungsarmen Systeme darauf ausgelegt, über Jahrzehnte zuverlässig zu funktionieren.
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From Tunnel Construction to Rail Operations
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen London und Birmingham befindet sich weiter im Aufbau. Die Strukturen der Grüntunnel in Copthall, Chipping Warden und ganz aktuell auch in Burton Green sind baulich bereits fertiggestellt. Damit ist der Rohbau abgeschlossen. Nun geht es darum, die Bauwerke fertigzustellen und die Oberfläche zu renaturieren.
Danach wird die Strecke technisch ausgerüstet. Neben der Gleisinfrastruktur gehören auch die Energieversorgung und die Zugsteuerung dazu. Erst dann können Testfahrten folgen. Der Start des regulären Passagierbetriebs auf diesem ersten Streckenabschnitt ist nach aktuellen Regierungsangaben zwischen 2036 und 2039 geplant.
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