Interview mit Oliver Schuster, CEO Vossloh AG, zum Jahresabschluss 2025
Die Vossloh AG hat im Jahr 2025 erneut Umsatz und Gewinn gesteigert. Der Jahresabschluss, den das Unternehmen am Donnerstag in Frankfurt präsentiert, weist auch einen Rekordwert beim Auftragseingang aus. Fragen dazu an CEO Oliver Schuster.
Herr Schuster, als Infrastrukturunternehmen agiert Vossloh oft im Verborgenen – Infrastruktur wird ja normalerweise wenig beachtet: „Hauptsache, sie funktioniert.“ Zurzeit ist der Begriff Infrastruktur allerdings in aller Munde. Gut für Vossloh?
Gut für uns alle, wenn die Infrastruktur die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Im Bereich der Bahn haben viele Länder jahrzehntelang zu wenig investiert und auf Kosten der Infrastruktur gespart. Diese „Unterhaltsschulden“ müssen wir jetzt abbezahlen, wenn wir eine sichere und zuverlässige Bahn als attraktives Angebot für die nachhaltige Mobilität von Menschen und Gütern anbieten wollen. Insofern freue ich mich über das vorhandene Problembewusstsein und die damit verbundenen Investitionsprogramme, die viele Länder aufgelegt haben.
Ist diese Entwicklung der Motor der erfolgreichen Geschäftsentwicklung von Vossloh im vergangenen Jahr?
Vossloh ist für Betreiber von Bahnnetzen auf der ganzen Welt ein wichtiger Partner. Das zeigt sich in unseren Auftragsbüchern, die im abgelaufenen Geschäftsjahr unter anderem Großaufträge für neue Hochgeschwindigkeitsverbindungen in Großbritannien und China verzeichnen konnten. Auch beispielsweise in Schweden ist unsere Auftragslage dank der steigenden Nachfrage des Infrastrukturbetreibers Trafikverket auf einem hohen Niveau. Und mit der Deutschen Bahn haben wir erneut einen umfangreichen Rahmenvertrag zur Lieferung von Weichengroßteilen im Wert von über 100 Millionen Euro abgeschlossen.
Insgesamt hat Vossloh beim Auftragsvolumen im vorigen Jahr neue Bestwerte erreicht. Der Auftragsbestand zum Jahresende hat erstmals die Schwelle von einer Milliarde Euro überschritten.
Das ist ein großartiger Vertrauensbeweis unserer Kunden und ein starker Erfolg unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Dazu hat auch die Sateba-Gruppe beigetragen, die seit Oktober zu Vossloh gehört. Durch Satebas Beitrag hat der Auftragseingang 2025 mit 1,399 Milliarden Euro einen neuen Höchstwert erreicht.
Sateba, den europäischen Hersteller von Betonschwellen, hat Vossloh zum 1. Oktober 2025 übernommen – die bisher größte Akquisition der Firmengeschichte.
Vossloh ist damit auf einen Schlag um rund ein Viertel gewachsen, was Mitarbeitende und Umsatz betrifft – eine enorme Bereicherung für uns. Die rund tausend neuen Kolleginnen und Kollegen sind, unterstützt durch ein umfangreiches Integrationsprogramm, in kürzester Zeit vollständig Teil der Unternehmensfamilie geworden. Mit diesem Schritt ist Vossloh jetzt auch im Schwellengeschäft einer der Marktführer in Europa und kann europäischen Kunden noch umfassendere integrierte Lösungen anbieten.
„Sateba stärkt uns auch bei Nachhaltigkeit“
Einer der ersten Aufträge, die Sateba als Teil von Vossloh gewinnen konnte, ist ein umfassender Rahmenvertrag über die Lieferung von Betonschwellen an den norwegischen Bahnnetzbetreiber Bane NOR. Ein wesentlicher Grund für diesen Erfolg war, dass bei der Produktion mehr als 40 Prozent der CO2-Emissionen gegenüber der herkömmlichen Fertigung eingespart werden. Sateba stärkt uns also auch mit Blick auf Nachhaltigkeit.
Die erstmalige Einbeziehung der Sateba-Gruppe hat auch Umsatz und Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr positiv beeinflusst.
Unsere Umsatzerlöse sind 2025 deutlich gestiegen: auf 1,343 Milliarden Euro, ein neuer Höchststand. Dazu haben neben Sateba auch große Infrastrukturprojekte in Algerien und China beigetragen. Besonders dynamisch haben sich auch die Geschäfte in Nord- und Osteuropa entwickelt, etwa in Schweden und Polen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern, EBIT, ist, bereinigt um Effekte aus der Kaufpreisallokation für Sateba, um 13,7 Prozent gestiegen, auf 119,6 Millionen Euro. Getragen wurde diese Entwicklung sowohl vom Beitrag der Sateba-Gruppe als auch von einem starken Ergebnis in unserem Weichengeschäft.
Zur Fertigung von Weichen hat Vossloh im vergangenen Jahr ein neues Werk im australischen Bendigo eröffnet.
Australien ist eines der Länder, die stark in ihre Bahninfrastruktur investieren und umfangreiche Pläne zum Aus- und Neubau von Schienenverbindungen haben. Unser neues Werk setzt einen weltweiten Maßstab für Präzision, Automatisierung und Nachhaltigkeit in der Weichenproduktion.
Investitionen wie die in Bendigo sichern unser zukünftiges Geschäft. Insgesamt haben wir im Berichtsjahr 88,3 Millionen Euro investiert. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung unserer liquiden Mittel: Der Free Cashflow erreichte im abgelaufenen Geschäftsjahr 98,8 Millionen Euro, eine Erhöhung von 14,9 Prozent gegenüber dem bereits hohen Vorjahresniveau. Und freie finanzielle Mittel sind wichtig, denn wir wollen weiter wachsen.
Anfang des Jahres hat Vossloh eine Hybridanleihe in Höhe von 250 Millionen Euro platziert: Geld für weitere Zukäufe?
Der Markt für Bahninfrastruktur befindet sich in einer grundlegenden Transformation. Treiber ist, wie auch in anderen Branchen, die Digitalisierung. Sie ermöglicht es, über umfangreiche Sensorik gesammelte Daten zum Zustand der Infrastruktur mithilfe von künstlicher Intelligenz zu analysieren und daraus für unsere Kunden maßgeschneiderte Pläne für eine bedarfsgerechte und vorausschauende Instandhaltung zu entwickeln.
Digitale Kompetenz als Schlüssel zur Zukunft
Vossloh ist bei dieser Entwicklung Vorreiter. Für unsere Cloud-Plattform Vossloh connect haben wir 2025 weitere Partner gewonnen und auch unsere eigenen Kompetenzen mit zusätzlicher Expertise weiter verstärkt. Zum weiteren Ausbau unserer digitalen Fähigkeiten setzen wir außerdem auch künftig auf Zukäufe von Unternehmen. Unter anderem vor diesem Hintergrund haben wir die Hybridanleihe platziert. Die Emission war mehrfach überzeichnet, die hohe Nachfrage seitens institutioneller Investoren ist ein eindrucksvoller Vertrauensbeweis in die strategische Ausrichtung unseres Unternehmens.
Zur Digitalisierung gehört auch, die eigenen Geschäftsprozesse zu optimieren. Wie weit ist Vossloh da?
Das ist für uns ein zentrales Thema. Als Systemhaus und Lösungsanbieter für Bahninfrastruktur, der Kunden integrierte Angebote macht, muss die Zusammenarbeit im Unternehmen über die Grenzen von Geschäftsfeldern und Regionen hinweg reibungslos funktionieren. Alle müssen auf vergleichbare Daten zugreifen und entlang einheitlich definierter Prozesse arbeiten. Dazu führen wir ein einheitliches Enterprise-Resource-Planning-System ein, das eine gemeinsame Planung und Steuerung der Unternehmensressourcen in unseren Geschäftsprozessen ermöglicht. Im Berichtsjahr haben wir mit Fastening Systems in Deutschland die erste Führungsgesellschaft eines Geschäftsfelds erfolgreich auf die SAP-Software S/4HANA umgestellt und rollen diese jetzt im gesamten Unternehmen aus.
Solche Projekte bedeuten viel Veränderung für die Mitarbeitenden. Was sagen die?
Eine Umfrage, die wir im Sommer 2025 unter den Beschäftigten durchgeführt haben, hat ein überaus erfreuliches Bild gezeigt. Die Zufriedenheit ist insgesamt sehr hoch, der weit überwiegende Teil der Kolleginnen und Kollegen würde Vossloh als Arbeitgeber empfehlen. Diese Ergebnisse liegen über dem Vergleichsmaßstab unserer Branche und machen mich stolz. Die hohe Beteiligung und eine beeindruckende Zahl von abgegebenen Kommentaren sind klarer Ausdruck davon, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Vossloh als ihr Unternehmen ansehen und persönlich dazu beitragen wollen, dass wir uns gemeinsam noch weiter verbessern.
„Unsere Mitarbeitenden sind die Grundlage unseres Erfolgs“
Unsere motivierten und hochkompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die Grundlage für die Erfolge unseres Unternehmens. Für ihren enormen Einsatz bedanke ich mich auch an dieser Stelle ganz persönlich und im Namen des gesamten Vorstands. Nicht zuletzt dank unserer großartigen Belegschaft sehen wir unser Unternehmen auch für die Zukunft bestens gerüstet, die großen Herausforderungen im Bereich der Bahninfrastruktur gemeinsam mit unseren Kunden anzupacken.
Ganz konkret: Was ist Ihre Prognose für dieses Jahr?
Für 2026 erwarten wir einen weiteren deutlichen Wachstumsschritt. Die ganzjährige Einbeziehung der Sateba‑Gruppe wird dabei der wesentliche Treiber sein. Insgesamt rechnen wir mit einem Umsatz zwischen 1,56 und 1,66 Milliarden Euro. Auch das EBIT soll weiter steigen und wird in einer Größenordnung von 118,5 bis 131 Millionen Euro erwartet. Da diese Kennzahl durch signifikante Effekte aus der Kaufpreisallokation für die Sateba-Gruppe geprägt ist, wird für das Jahr 2026 ergänzend eine Prognose für das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, EBITDA, gegeben, das für dieses Jahr eine aussagekräftigere Einschätzung der Ertragskraft des Konzerns erlaubt. Beim EBITDA gehen wir von 215 bis 230 Millionen Euro aus, was einer Marge von 13,5 bis 14,5 Prozent entspricht.
Was bedeutet das für die Aktionärinnen und Aktionäre der Vossloh AG?
Angesichts der positiven Geschäftsentwicklung und der guten Auftragslage werden Vorstand und Aufsichtsrat der Hauptversammlung am 6. Mai vorschlagen, für das Geschäftsjahr 2025 eine erneut erhöhte Dividende von 1,15 Euro auszuschütten.
Vom Einsatz für die Infrastruktur profitieren also auch die Anteilseigner.
Davon profitieren alle. Der Einsatz für eine funktionierende Infrastruktur und eine zuverlässige Bahn ist ein Dienst an der Gesellschaft. Das Funktionieren dieser Lebensadern ist auch entscheidend dafür, wie sehr die Menschen unserem politischen System vertrauen – ein wichtiger Baustein für die Zukunft unserer Demokratie.
