Während die Welt begeistert die emotionalen Momente mitverfolgt und mit den Athleten bei den Entscheidungen um Hundertstelsekunden mitfiebert, gelten die Winterspiele in der alpinen Topografie Norditaliens mit engen Tälern und begrenzten Verkehrsflächen als Stresstest für Verkehrsströme, Infrastruktur und einfache Nutzbarkeit im Alltag sowie im Ausnahmebetrieb. Um einerseits Straßen und sensible Naturräume zu entlasten und den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren sowie andererseits die Provinzen besser an das europäische Streckennetz anzubinden, wird der konsequente Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie grenzüberschreitende Bahnverbindungen vorangetrieben.
Auch Mailand hatte im Rahmen der Olympischen Winterspiele 2026 umfangreiche infrastrukturelle Maßnahmen ergriffen, die sich auf Nachhaltigkeit und eine verbesserte Verkehrsanbindung konzentrieren. Das Herzstück der städtebaulichen Entwicklung ist das stillgelegte Bahngelände Porta Romana. Während der Spiele beherbergt es rund 1.500 Athleten, danach wird das olympische Dorf in Wohnraum für Studenten und bezahlbaren Wohnraum umgewandelt. Als Hauptverkehrsknoten zwischen den Alpen und der Poebene ist die Hauptstadt der Lombardei sowohl durch dichte Bahnverbindungen und den Ausbau des ÖPNV (wie z.B. den RegioExpress nach Bozen) als auch als Metropolitanstadt mit den umliegenden Provinzen Monza und Brianza, Bergamo, Brescia oder Como stark verflochten. Die Spiele dienen als Katalysator für den Ausbau von Straßen- und Schienennetzen in Norditalien, um Reisezeiten zu verkürzen. Und in Mailand selbst wurde der öffentliche Nahverkehr, inklusive erweiterter Betriebszeiten bis 2 Uhr nachts, weiter ausgebaut.

Integratives Miteinander auf der Schiene
Mailands Personennahverkehr zeichnet sich durch eine starke Schienenorientierung aus. Dank einer klaren infrastrukturellen Fokussierung auf durchgehende Verbindungen, Kapazität und Knotenintegration hat die lombardische Hauptstadt es auf besondere Weise verstanden, ein historisches Straßenbahnnetz mit einem der fortschrittlichsten, fahrerlosen Metrosysteme Europas zu verbinden und durch den Passante eine äußerst effiziente Verknüpfung von Umland und Stadtzentrum zu schaffen.
- Das unterirdische Verbindungsnetz: Kernstück der ungewöhnlich starken Integration von Regional- und Stadtverkehr auf derselben Infrastruktur ist der betrieblich anspruchsvolle und höchst leistungsfähige Il Passante Ferroviario di Milano. Diese unterirdische Verbindungsstrecke führt u.a. mehrere Vorort- und Regionalbahnlinien von Nord-West nach Süd-Ost durch das Stadtzentrum. Für einen schnellen, hochfrequenten und pendlerfreundlichen Nahverkehr aus den Randgebieten sorgt der hier verkehrende Servizio ferroviario suburbano di Milano. Mit bis zu 60 km Umkreis erschließen 13 Linien den Großraum Mailand. Dieses Netz mit 124 Stationen erhöht die Netzkapazität, reduziert Umstiege und schafft S-Bahn-ähnliche Taktstrukturen (bis zu 6 Minuten in den zentralen Abschnitten) mit hoher innerstädtischer Erschließungswirkung entstehen.
- Hohe Frequenz und Zuverlässigkeit: Das technisch moderne U-Bahn-Netz Metropolitana mit fünf Linien ist eng mit den S-Bahn-Stationen verknüpft. Besonders hervorzuheben sind die neueren Linien M4 und M5, die vollautomatisch und fahrerlos betrieben werden, wobei die Knotenbahnhöfe – Milano Porta Garibaldi oder Cadorna – als multimodale Schnittstellen zwischen Fern-, Regional- und Stadtverkehr fungieren. Ferner verbindet die M4 den Flughafen Linate in nur 12 Minuten mit dem Stadtzentrum und überzeugt durch hohe Frequenz (in der Hauptverkehrszeit alle 75–90 Sekunden).
- Ausgedehntes Straßenbahnnetz: Im Gegensatz zur Metro übernimmt die Straßenbahn eine feinmaschige Oberflächenerschließung innerhalb des Stadtgebiets. Sie schließt die Lücken zwischen Metroachsen, bindet Viertel ohne U-Bahn-Anschluss an und fungiert als Zubringer zu S-Bahn-Stationen (insbesondere entlang des Passante Ferroviario). Kontinuierlich weiterentwickelt verbindet die Mailänder Straßenbahn historische Substanz mit moderner Stadtverkehrsplanung und bildet eine tragende Säule des schienenorientierten Nahverkehrs der Stadt. Mit rund 160 km Streckenlänge zählt das Netz zu den größten in Italien und ist eines der wenigen großen europäischen Systeme, das nie vollständig stillgelegt oder stark zurückgebaut wurde. Dadurch verfügt Mailand bis heute über ein dichtes, weitgehend flächendeckendes Straßenbahnnetz im innerstädtischen Bereich, dessen 18 Linien von morgens bis tief in die Nacht (ca. 04:30 bis 02:30 Uhr) verkehren und das Stadtzentrum mit den Außenbezirken verbinden.
- Hohe Vernetzung & Erreichbarkeit: Um ein Gebiet mit über 3,3 Millionen Einwohnern optimal abzudecken, wurden U-Bahn-, S-Bahn- und Straßenbahnsysteme zu einem zusammenhängenden Netzverbund integriert. Neue Stationen, wie z.B. Dateo oder Forlanini bei der M4 wurden direkt in das S-Bahn-Netz integriert.
Darüber hinaus plant die Metropolitana di Milano umfangreiche Erweiterungen: Das strategisch wichtigste Projekt ist die Verlängerung der M5 um ca. 13 km nach Norden bis nach Monza (plus elf neue Stationen). Außerdem soll die im Oktober 2024 fertiggestellte M4, die den Flughafen Linate mit dem Stadtzentrum verbindet, weiter in Richtung Osten bis Segrate verlängert werden.
- Nachhaltigkeit & Technik: Neue Linien, wie bspw. die M4 nutzen moderne Technologien, darunter verbesserte Sicherheitsstandards mit Bahnsteigtüren, die sich automatisch öffnen. Des Weiteren wird verstärkt auf Feste Fahrbahn mit elastischen Schienenbefestigungen zur Lärmminderung geachtet.
- Intelligente Infrastrukturinstandhaltung: Um sowohl Verschleiß- als auch Lärmentwicklungen rechtzeitig und proaktiv zu begegnen, setzt ATM auf die regelmäßige Zustandserhebung im Gleis und eine integrierte Datenverarbeitung.
Der Weg zu leisen und verfügbaren Schienen
Ein wesentlicher Baustein bei der Schieneninstandhaltung im nächtlichen Mailand ist der smart HSG-city. Aufbauend auf turnusmäßig stattfindenden Schleifkampagnen zur gezielten Riffelbeseitigung und für eine verlässliche Lärmreduktion im Straßenbahnnetz, wurde die Zusammenarbeit mit der smarten Ausbaustufe der kompakten Schleifmaschine 2022 ausgebaut und intensiviert. Kundenseitig wurde das Potenzial desSmart-Maintenance-Ansatzes als Symbiose aus Vermessung, Datenverarbeitung, Visualisierung und punktgenauer Umsetzung sofort erkannt:
- Überblick behalten: Sowohl Straßen- und U-Bahn-Netz sind mit mehr als 100 km Doppelgleis groß dimensioniert. Die 20 bis 30 km langen Messfahrten pro Schicht ergänzen und aktualisieren Messergebnisse, die ATM selbst erhebt, bzw. ermöglichen eine verdichtete Nutzung der gewonnenen Erkenntnisse.
- Entwicklung einer präventiven Schleifstrategie: Basierend auf detailliertem Wissen über den Schienenzustand können Instandhaltungsmaßnahmen in beiden Netzen proaktiver geplant und gesteuert werden.
- Effizientere Verwendung der Budgets bei gleichzeitig erhöhter Netzverfügbarkeit durch fundierte Instandhaltungsentscheidungen.
- Aufbau einer Fehlerhistorie: Durch das quartalsweise Erheben von Zustandsdaten aus dem Gleis lassen sich mittelfristig Verschleißentwicklungen vorhersagen.
Für Vossloh bot sich die Möglichkeit, sowohl das neue berührungslose optische Messsystem mit Laser-Triangulationssensoren am smart HSG-city als auch die Evaluation und Implementierung der gewonnen Daten in mapl-e ausgiebig zu erproben. Außerdem galt es, die entwickelten Algorithmen, die aus erhobenen Daten konkrete Handlungsempfehlungen generieren, zu verfeinern. Parallel ging es darum, zu verstehen, welche Informationen Betreiber über ihren Schienenzustand wirklich benötigen und wie die Daten am einfachsten zur Verfügung gestellt bzw. aufbereitet werden können.
Positionsgenaue Datenerfassung für eine gezielte Bearbeitung
Um die besondere Charakteristik des High Speed Grinding-Verfahrens auch während der Zustandserfassung nutzen zu können, erfolgt die Messung mithilfe von Laser-Triangulationssensoren. Neben einer vollständigen Querprofilanalyse (Schienenkopfabweichung und Verschleiß) wünschte sich ATM auch eine Messung der Rillentiefe im Straßenbahnnetz. Des Weiteren ermittelt der smart HSG-city das Längsprofil (Welligkeit) und die Spurweite. Alle Statusdaten werden metergenau erfasst und lokalisiert. Bei Auslösung der Messung startet der Wegmesser. Zusätzlich unterstützen globale Satellitennavigationssysteme (GNSS) die Positionsbestimmung.
Mehrere versetzte Lasersensoren erfassen den Zustand von Schienen und Gleis.

Die äußeren Bilder verdeutlichen den Vorher-nachher-Effekt der Schleiffahrten.

Partnerschaft für die Langstrecke
Anfangs lag der Schwerpunkt der Mess- und Schleifkampagnen noch auf dem Straßenbahnnetz. Doch schnell wurde der smart HSG-city ebenso im Metronetz „heimisch“. Aktuell stehen Hot-spot-Kampagnen in den Bögen an. Jede Schleiffahrt ist exakt auf den zuvor gemessenen Gleiszustand angepasst, wodurch Verriffelungen sicher beseitigt und kleinere Profilkorrekturen mit verschiedenen Schleifspuren in den erfassten Abschnitten vorgenommen werden. Abschließend erfolgt eine Messung des verbliebenen Querprofils.
Behutsames Eingleisen per Kran, bevor es mit Tempo durch die Röhren geht.

ATM profitiert von einer effizienten Schichtplanung, von ressourcenschonenden Prozessen und einem präventiven Ansatz gegen Schienenlärm. Wenn im frühmorgendlichen Minutentakt die ersten Züge in den Tag starten, braucht es eine verlässliche Schieneninfrastruktur in Höchstform. Je mehr Messdaten aus dem Gleis in die Planung zurückfließen und je stärker Assistenzfunktionen die Aussagefähigkeit verdichten, desto schneller wird aus zyklischen Instandhaltungszyklen ein kontinuierlicher Optimierungsprozess. Statt zu reagieren, wird zielsicher agiert. Für pünktliche Züge auf leisen Schienen.
Mailand zeigt eindrucksvoll, wie Tradition und Moderne in Sachen nachhaltiger Mobilität zusammenspielen können. „Hochleistungssport” findet in Mailand nicht nur in den Sportarenen statt.

